Meine Höreindrücke mit dem HE-1
Wir sind gegen 10:45 Uhr in der Heimkinowelt Wien angekommen, die zwei Experten von Sennheiser zu Gast hatte, um Besuchern den HE-1 vorzuführen und Fragen zu beantworten. Heimkinowelt selbst hat uns dazu mit Prosecco und Schnittchen versorgt. Dann durfte ich mir auch schon das gute Stück anschauen.
Die Liste an Superlativen und einzigartigen Bauteilen für dieses Schmuckstück ist lang, daher hier nur ein kurzer Überblick, um zu unterstreichen, was den HE-1 so besonders macht:
- Marmor aus demselben Steinbruch, aus dem auch der Marmor für Michelangelos David stammt.
- Röhren, die speziell für den HE-1 angefertigt wurden und alle acht zueinander eng abgestimmt sind. Fällt eine aus, werden alle acht ersetzt. Nach 1.000 Betriebsstunden weist eine bernsteinfarbene LED darauf hin, dass auch ohne Komplettausfall die Röhren getauscht werden sollten.
- Der DAC verarbeitet das Signal achtfach parallel und vergleicht die Ergebnisse miteinander, bevor das bestmögliche Signal an die Analogsektion weitergegeben wird.
- Die ganze Box ist in Wirklichkeit „nur“ der DAC und Vorverstärker – der Endverstärker selbst sitzt im Kopfhörer, und der silberne Ring wirkt wie ein Kühlkörper.
Jetzt aber zu dem, warum Sie eigentlich hier sind: Höreindrücke.
Komfort
Meine erste Überraschung war der Komfort: Ich empfinde schnell hohen Anpressdruck, zu kleine Ohrmuscheln, zu harte Kopfbänder und alles, was man so falsch machen kann, als sehr negativ und würde mich da als empfindlich bezeichnen. Der HE-1 war einfach bequem. Die Polster am Kopfband und an den Ohrpolstern waren extrem weich, was den Anpressdruck angenehm abgefedert hat. Hätte ich mehr Zeit mit ihm gehabt, hätte ich ihn definitiv länger tragen können.
Bass
Elektrostatische Kopfhörer hatten lange das Stigma, im Bass nicht besonders potent zu sein. Vielleicht genau deswegen räumt der HE-1 mit diesem Vorurteil vollkommen auf: Mit dem ersten Test-Track, Supremacy von Muse, kam sofort eine brachiale Bassgewalt zum Vorschein, die mich sowohl in der Qualität als auch in der enormen Quantität überrascht hat. Schon nach wenigen Minuten wurde klar: Der HE-1 verfolgt keine streng analytische oder neutrale Abstimmung, sondern setzt bewusst auf ein eindrucksvolles und mitreißendes Klangerlebnis.
Mitten
Vielleicht ist es, um dem Bass gefühlt noch mehr Pegel zu verleihen, vielleicht hat es andere Gründe, aber die Mitten kamen mir relativ zurückgenommen vor. Insbesondere weibliche Stimmen wirkten im Vergleich zum Tieftonbereich etwas leiser. Gelegentlich zeigte sich zudem eine leicht metallische Färbung, die mich an bestimmte Abstimmungen anderer bekannter High-End-Kopfhörer erinnerte.
Höhen
Die Höhen waren relativ zurückgenommen, vermutlich, um den HE-1 als langzeittauglichen Hörer ohne Ermüdungserscheinungen nutzbar zu machen. Auch das war eine Überraschung, denn von einem Elektrostaten hätte ich eher luftige Höhen und eine endlose Fülle an Details erwartet.
Bühne und sonstiges
Der HE-1 entfaltet keine riesige Klangbühne, aber eine äußerst realistische, mit exakt definierter Tiefe und einzelnen Elementen, die mit klaren Kanten perfekt im Raum positioniert sind. Timing und Bühnendarstellung sind meiner Meinung nach die größten Stärken des HE-1, abgesehen vom Komfort.
Die gute Nachricht für alle Audiophilen, die keine neun Monate – die derzeitige Wartezeit – auf ein Kopfhörersystem warten möchten, geschweige denn das nötige Kleingeld für den HE-1 aufbringen wollen:
Man kann heutzutage durchaus ein in vielen Bereichen sehr starkes System für weniger Geld zusammenstellen, zum Beispiel auf Basis des Susvara oder Immanis. Diese sind in der Abstimmung neutraler, und man kann gewisse Aspekte durch die Quellgeräte verändern, verstärken oder abschwächen und dadurch für sich das Beste aus diesen Kopfhörern herausholen.
Falls man aber ein modernes, im Hinblick auf Balance abgestimmtes High-End-Komplettsystem möchte, lohnt sich ebenfalls ein Blick auf den Warwick Acoustics Aperio GSE.
Gründer von Level Audio, ausgebildeter Tontechniker und seit jungen Jahren Hifi-Enthusiast und Freund des guten Klanges.
